Psyche und Potenz
Juli 23rd, 2010Seelische Ursachen sind der Alptraum der meisten Männer, bei denen es im Bett nicht mehr so recht klappt. Wenn der Arzt dann auch noch sagt: “Organisch sind Sie völlig gesund”, stürzen viele in ein dunkles Loch: “Sie erschrecken und fragen sich: O Gott, was kommt jetzt als nächstes auf mich zu? Dahinter steckt die Angst vor dem “Unbekannten”, erzählt der Münchner Sexualmediziner Professor Götz Kockott.
Wenn der Körper nicht mehr “funktioniere” – das sei wenigstens etwas Konkretes. Da könne der Arzt Pillen oder Hilfsmittel verschreiben. Aber wenn die Seele “schuld” sein soll, erscheine dies, so Kockott, “wie die Spitze eines Eisbergs: Wer weiß, was sich dahinter noch alles verbirgt?” Viele Männer machen sich dann Sorgen und empfinden Scham.
Dieses vage Gefühl der Mutlosigkeit, das viele Patienten bei der Diagnose “psychisch bedingte Erektionsstörung” beschleicht, setzt sich offenbar unter den Ärzten teilweise fort: Seit jeher streiten Urologen und Sexualwissenschaftler darüber, in welchem Verhältnis die Einflüsse seelischer und körperlicher Prozesse eine Rolle spielen. Mal neigt sich die Waage zugunsten der Medizin, mal zugunsten der Psychologie. So führen noch heute manche Statistiken neunzig Prozent der Erektionsstörungen auf körperliche Ursachen zurück, und nur bei etwa zehn Prozent der Patienten werden psychische Gründe diagnostiziert. “Ziemlicher Unsinn”, meint der Münchner Urologe Ullrich Schwarzer. Hinter solchen Zahlen stecke “eine typisch mechanistische Auffassung vom Körper”. Der Motor habe einfach zu funktionieren – und wenn er nicht richtig laufe, müsse eben ein bißchen medikamentös behandelt und operiert werden. So einfach sei das.
Oder eben auch nicht. Schwarzer vermutet, daß “mindestens fünfzig Prozent der Erektionsstörungen, wenn nicht mehr, eine seelische Ursache haben”. Schließlich spiele auch bei jeder eindeutig organisch bedingten Erkrankung die Psyche mit. Ein komplexes, schwieriges Wechselspiel.
Das Glied erschlafft vielleicht, weil der Streß im Beruf zu groß ist oder weil es Streit mit der Partnerin gegeben hat. Schuldgefühle aus der Kindheit, Prägungen des Elternhauses, frühere Frustrationen im Bett spielen beim Thema Sex eine Rolle. In jedem Fall trifft versagende Potenz beim Mann einen besonders wunden Punkt. “Da wird lieber rumgejuxt und am Stammtisch Jägerlatein verzapft, bevor sich ein Mann zu einem Arzt in die Sprechstunde traut”, sagt Kockott.
Denn schließlich trifft eine Erektionsstörung den Mann bis ins Mark sie entspricht nicht dem Leistungsdenken, das in der Gesellschaft Vorrang hat. Sie verletzt sein Selbstwertgefühl, stört die psychische Balance, das allgemeine Wohlbefinden – und natürlich die Partnerschaft. Andererseits stehen all diese seelischen, gesellschaftlichen, familiären, kurz psychosozialen Faktoren im Wechselspiel mit Sexualität und Erektion.
Hat beispielsweise ein Mann in seinen Augen im Bett “versagt”, kann daraus die Sorge entstehen, daß ihm dies immer wieder passieren könnte. Die Furcht, kein richtiger Mann mehr zu sein, kann in einem Teufelskreis enden: Die Angst zu versagen verursacht das Versagen und so entsteht noch mehr Angst. Diese Furcht führt zu regelrechten Vermeidungsstrategien. Bei Paaren läßt sich dann häufig folgender Mecha-nismus beobachten: Weil sich der Mann entzieht, fordert seine Partnerin verstärkt sexuelle Handlungen ein. Dies drängt den Mann noch mehr in die Defensive und steigert seine Lustlosigkeit weiter. Natürlich gilt dieser negative Interikiionszirkel auch umgekehrt.
Sehr oft sind aber nicht die erschlaffende Erektion und das daraus resultierende Vermeidungsverhalten Ursache des partnerschaftlichen Zwistes. In vielen Fällen funktioniert die Partnerschaft nicht – und erst infolge dieser Entwicklung kommt es zu Problemen beim Sex.
Auch bestimmte psychische Erkrankungen wirken sich auf die Potenz aus. So leiden fünfzig bis neunzig Prozent der depressiven Patienten unabhängig von ihrer medikamentösen Behandlung an einem verminderten sexuellen Interesse. Bestimmte Wirkstoffe in Antidepressiva führen ihrerseits zu sexuellen Dysfunktionen oder verstärken bereits vorhandene Störungen. Auch depressive Verstimmungen, hervorgerufen durch berufliches Versagen, Krankheit oder private Probleme, können die Erektionsfähigkeit mindern.








